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Buch II, 45,46 - Allgemeiner Bericht über die Amazonen
45:
Am Fluß Thermodon wohnte ein Volk, welches von Frauen beherrscht war. Die Frauen
beteiligten sich dort an den Dingen des Krieges ganz genauso wie die Männer. Eine
von diesen Frauen, welche königliche Gewalt besaß, soll durch Mut und Stärke alle
anderen übertroffen und ein Heer von Frauen gesammelt haben, welches sie in den
Waffen übte und siegreich gegen einige Nachbarvölker kämpfen ließ. Als dann ihre
Macht wie ihr Ruhm immer mehr und mehr wuchsen, überzog sie weiterhin mit ihren
Heeren die Nachbarländer, und da das Glück ihr günstig war, so wurde sie mit hohem
Stolz erfüllt und nannte sich selbst Tochter des Ares; den Männern wies sie das
Wollspinnen zu und die Arbeiten der Frauen im Haus. Auch erließ sie Gesetze, durch
welche die Frauen zu den Werken des Krieges bestimmt, die Männer aber zu Dienst
und Knechtschaft erniedrigt wurden. Den neugeborenen Knaben verstümmelten sie
Beine und Arme, um sie für kriegerische Dingen unfähig zu machen, den Mädchen
aber brannten sie die rechte Brust weg, damit diese durch ihre spätere Erhöhung
in der Blütezeit des Körpers ihnen nicht hinderlich sei, und eben aus diesem
Grund habe das Volk den Namen Amazonen erhalten. Überhaupt sei diese Königin
sowohl an Feldherrntüchtigkeit als auch an Einsicht ausgezeichnet gewesen und habe auch
eine große Stadt gegründet an den Mündungen des Thermodon-Flusses, mit Namen
Themiskyra, und dort eine weitberühmte Königsburg gebaut. Auf ihren Feldzügen
wußte sie die Disziplin aufrecht zu erhalten und besiegte anfangs alle benachbarten
Völker bis zum Fluss Thermodon; nachdem sie solche Taten ausgeführt hatte, soll sie
in einer Schlacht ruhmvoll kämpfend den Heldentod gefunden haben.
46:
Die Königswürde ging von ihr auf ihre Tochter über, und diese soll der Tapferkeit
der Mutter nachgeeifert und sie durch ihre Taten im einzelnen gar noch übertroffen haben.
Die Mädchen nämlich habe sie von zartester Jugend an durch die Jagd abgehärtet
und täglich in den Werken des Krieges geübt; und sie hat auch große Opfer eingeführt, für
Ares und Artemis, welche Tauropolos heißt. Ihr Heer führte sie dann über den Tanais
und besiegte der Reihe nach alle Völker bis nach Thrakien hin. Mit viel Beute kehrte
sie dann nach Hause zurück, erbaute den vorhergenannten Göttern herrliche Tempel und
gewann durch milde Regierung die größte Zuneigung ihrer Untertanen. Danach soll sie auch
nach der anderen Seite ausgezogen sein und sich einen großen Teil Asiens unterworfen
haben, so dass sich ihre Macht bis Syrien erstreckte. Nach ihrem Tod seien immer die
nächstverwandten Frauen in der Herrschaft gefolgt, hätten mit Glanz regiert und das
Volk der Amazonen an Ruhm und Macht fort und fort gehoben. Viele Geschlechter später
aber, als der Ruf ihrer Tapferkeit bereits über alle bewohnten Länder ringsum verbreitet
war, da habe Herakles, der Sohn der Alkmene und des Zeus, von Eurystheus den Auftrag
erhalten, den Gürtel der Amazone Hippolyte zu holen. Deshalb sei er ausgezogen,
habe in einer großen Schlacht das Heer der Amazonen besiegt, die Hippolyte mit ihrem
Gürtel gefangengenommen und endlich das Volk ganz aufgerieben. Deshalb konnten jetzt
die umwohnenden Barbaren die Schwäche des Volkes verachten, erinnerten sich an die
ihnen widerfahrene Schmach und bekriegten das Volk unaufhörlich, so dass zuletzt
nicht einmal der Name des Amazonengeschlechtes übrigblieb. Einige Jahre nach dem
Feldzug des Herakles, zur Zeit des Trojanischen Krieges, soll Penthesilea, eine Tochter
des Ares und Königin der übriggebliebenen Amazonen, die zu Hause einen Mord begangen
hatte, dieser Schuld wegen aus der Heimat geflohen sein und nach Hektors Tod auf
Seiten der Troer gekämpft haben. Sie tötete viele Griechen, kämpfte immer ruhmvoll
in der Schlacht und fand den Heldentod von der Hand des Achilles. Diese soll die
letzte Amazone gewesen sein, welche sich durch ihre Tapferkeit ausgezeichnet hatte, und
später sei das Volk immer tiefer und tiefer gesunken und endlich ganz machtlos
geworden, weshalb man in neueren Zeiten, wenn von ihrer Tapferkeit erzählt wird,
die ganze Geschichte der Amazonen für erdichtet erklärt.
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Buch III, 52-55 - Geschichte der libyschen Amazonen
52:
Nachdem wir die vorhergenannten Länder ausführlich genug geschildert haben, ist es
wohl ganz passend, das hinzuzufügen, was über die Amazonen erzählt wird, welche
vor Alters her in Libyen gewohnt haben sollen. Die meisten glauben nämlich, dass
diejenigen Amazonen, welche am Fluss Thermodon in Pontos gewohnt haben sollen, die
einzigen gewesen seien. In Wahrheit verhält es sich nicht so, sondern lang vor diesen
hat es Amazonen in Libyen gegeben, welche ruhmwürdige Taten vollführt haben. Wir
wissen freilich recht wohl, dass vielen unserer Leser die Geschichte derselben
unerhört und ganz unglaublich erscheinen wird; denn weil dieses Geschlecht der
Amazonen viele Geschlechter vor dem Trojanischen Krieg gelebt hat, die am Fluss
Thermodon aber kurz vor diesem Ereignis geblüht haben, so ist es ganz natürlich,
dass auf die Späteren und Bekannteren der Ruhm der Alten überging, deren Kunde
der Länge der Zeit wegen den Meisten unzugänglich geworden sind. Wir haben jedoch
viele unter den alten Dichtern und Geschichtschreibern, und selbst auch unter
den späteren nicht Wenige gefunden, welche jene erwähnen, und wir
wollen ihre Taten der Hauptsache nach aufzeichnen, indem wir dabei dem Dionysios
folgen, welcher die Bücher über die Argonauten und den Dionysos und über viele
andere in den ältesten Zeiten geschehene Dinge geschrieben hat.
Es hat als in Libyen mehrere Geschlechter streitbarer Frauen gegeben, die ihrer
Tapferkeit wegen höchst bewundert wurden. So wird zum Beispiel überliefert, dass
das Geschlecht der Gorgonen, gegen welches Perseus zu Felde zog, sich durch Mut
und Stärke auszeichnete; und wenn für den Sohn des Zeus, der doch unter den
Griechen seiner Zeit der tapferste war, der Kampf gegen dieselben die größte
Heldentat gewesen ist, so kann man hierin einen Beweis sehen von der außerordentlichen
Macht und Stärke der genannten Frauen. Aber auch die Tapferkeit derjenigen, von
welchen wir hier erzählen wollen, ist, mit der Art unserer Frauen verglichen,
auffallend genug.
53:
Es wird also erzählt, dass in den westlichen Teilen Libyens an der äußersten Grenze
der Erde ein Volk gewohnt habe, das von Frauen beherrscht wurde und eine von der
unsrigen ganz verschiedene Lebensweise führte. Es war nämlich unter ihnen Sitte,
dass die Frauen die Mühsal des Krieges übernahmen und eine bestimmte Zeit lang
die Feldzüge mitmachten und so lange ihre Jungfräulichkeit bewahren mußten.
Waren die Jahre des Felddienstes vorbei, so pflegten sie zwar mit Männnern Umgang,
um Kinder zu zeugen, aber die Staatsämter und die Besorgung aller öffentlichen
Angelegenheiten behielten sie in der Hand. Die Männer aber führten, ganz wie bei
uns die verheirateten Frauen, ein häusliches Leben, indem sie den Befehlen ihrer
Hausgenossinnen gehorchten; an den Feldzügen jedoch nahmen sie so wenig Teil wie
an den Staatsämtern, noch hatten sie sonst in den öffentlichen Dingen ein Wort
mitzureden, so dass sie, durch ihren Männerwert zu Stolz entflammt, den Frauen
hätten zusetzen können. Die kleinen Kinder wurden nach der Geburt den Männern
übergeben, und diese zogen sie mit Milch und anderen Speisen auf, wie sie eben
den Altersstufen der Kinder entsprachen. War die Geburt aber weiblich, so wurden
ihr die Brüste ausgebrannt, damit sie sich zur Zeit der Blüte nicht erheben könnten;
denn die vom Körper vorragenden Brüste schienen kein geringes Hindernis im Krieg
zu sein, und eben weil sie derselben beraubt waren, wurden sie von den Griechen
Amazonen genannt. Wie die Sage erzählt, wohnten sie auf einer Insel, die von ihrer
Lage gegen Westen Hespera genannt wurde und im See Tritonis lag. Dieser aber lag
ganz nahe am Ozean, der die Erde umflutet, und soll seinen Namen von einem Fluss
Triton haben, der sich in denselben ergießt. Es soll dieser See aber nahe bei
Äthiopien und dem Gebirge in der Nähe des Ozeans liegen, dem höchsten in jenen
Gegenden, und welches in den Ozean hinaus abfällt und von den Griechen Atlas
genannt wird. Die vorgenannte Insel selbst aber, - so erzählt man -, ist groß
und voll fruchttragender Bäume von allerlei Art, von welchen die Einheimischen
ihre Nahrung gewinnen. Auch besaß sie viel Weidevieh, Ziegen und Schafe, deren
Milch und Fleisch den Besitzern zur Nahrung diente. Aus dem Getreide aber zog
dies Volk keinen Nutzen, weil der Gebrauch dieser Frucht bei ihnen noch nicht
entdeckt war. Die Amazonen nun, durch großen Mut und Stärke zum Krieg hingetrieben,
unterwarfen zuerst die Städte der Insel, mit Ausnahme von Mene, welche für
heilig gehalten und von äthiopischen Ichthyophagen bewohnt wurde. Auch sollen dort
gewaltige Feuerausbrüche vorkommen und eine Menge kostbarer Steine gefunden werden,
welche bei den Griechen Anthrax und Sard und Smaragd heißen. Danach bekriegten sie
zahlreiche Stämme der benachbarten Libyer und Nomadenvölker, und gründeten im See
Tritonis eine große Stadt, die sie nach ihrer Gestalt Chersonesos nannten.
54:
Von hier aus rüsteten sie sich nun schon zu größeren Unternehmungen, denn es ergriff
sie der Drang, sich große Teile der bewohnten Erde zu unterwerfen. Und zwar sollen
sie zuerst gegen die Atlantier gezogen sein, das gesitteste Volk in jenen Gegenden,
welches ein fruchtbares Land bewohnte und große Städte besaß. Unter ihnen soll auch
die Sage verbreitet sein, dass die Götter in den Gegenden am Ozean zuerst entstanden seien,
was ganz zu den Sagen der Griechen stimmt, über welche wir bald des näheren berichten
werden. Die Königin der Amazonen nun, Myrina mit Namen, soll ein Heer von dreißigtausend
Fußsoldaten und dreitausend Reitern aufgestellt haben; - es wurde nämlich von ihnen
im Krieg mehr auf den Gebrauch der Reiterei gehalten. Als Schutzwaffen dienten ihnen
die Häute großer Schlangen, - und Libyen bringt ja solche Tiere von ganz unglaublicher
Größe hervor -, zur Abwehr gebrauchten sie Schwerter und Lanzen und dazu noch Bogen,
mit denen sie nicht nur geradeaus nach vorne schossen, sondern sie diese auch auf der
Flucht mit großer Geschicklichkeit zum Schuß rückwärts gegen den Verfolger gebrauchten.
Nachdem sie also in das Land der Atlantier eingefallen waren, besiegten sie zuerst
die Bewohner der Stadt Kerne in offener Feldschlacht, drangen mit den Fliehenden zugleich
in die Mauern ein und bemächtigten sich so der Stadt. Um aber den Umwohnenden Furcht
und Schrecken einzujagen, verfuhren sie gegen die Gefangenen mit großer Grausamkeit,
schlachten die Männer ab, machten Frauen und Kinder zu Sklaven und zerstörten die Stadt.
Als nun das furchtbare Schicksal der Kernäer unter ihren Stammesgenossen gekannt wurde,
sollen die Atlantier, in Furcht und Schrecken gesetzt, ihre Städte durch einen Vertrag
übergeben und versprochen haben, alles zu tun, was ihnen befohlen würde. Die Königin
Myrina aber begegnete ihnen freundlich, schloß einen Bund mit ihnen und baute anstelle
der von ihr zerstörten Stadt eine neue, welcher sie ihren eigenen Namen gab und in der
sie die Kriegsgefangenen ansiedelte, und wer sonst noch von den Einheimischen wollte.
Als ihr hierauf die Atlantier kostbare Geschenke brachten und in der Volksgemeinde hohe
Ehren für sie beschlossen, nahm sie dies Entgegenkommen freundlich auf und verhieß,
dem Volk Wohltaten erweisen zu wollen. Da nun die Einheimischen häufig von den
sogenannten Gorgonen bekriegt wurden, die in ihrer Nähe wohnten und ihnen gegenüber
aufsässig waren, so soll Myrina auf Bitten der Atlantier in deren Land eingefallen sein.
Die Gorgonen aber leisteten Widerstand, und als es zu einer blutigen Schlacht kam,
gewannen die Amazonen die Überhand, töteten sehr viele ihrer Gegnerinnen und nahmen von jenen
nicht weniger als dreitausend gefangen. Die Übrigen suchten Zuflucht in einer waldbedeckten
Gegend, und Myrina versuchte den Wald anzuzünden, um das ganze Volk mit Stumpf und
Stiel zu vernichten; sie konnte aber das Vorhaben nicht durchführen und kehrte wieder
an die Grenzen des Landes zurück.
55:
Als aber die Amazonen in der Freude des Erfolges zur Nachtzeit die Wachen allzu sorglos
handhabten, fielen die gefangenen Frauen mit gezückten Schwertern über sie her und töteten
viele von jenen, die sich für Siegerinnen hielten; zuletzt aber, als sie von allen Seiten
von der Menge umstellt waren, fielen sie sämtlich tapfer kämpfend. Myrina aber ließ die
gefallenen Kampfgenossinnen auf drei Scheiterhaufen verbrennen und schüttete ihnen drei
große Grabhügel auf, welche bis zum heutigen Tag Amazonenhügel genannt werden. Die
Gorgonen aber, die in den folgenden Zeiten an Zahl und Macht wieder zunahmen, wurden
dann von Perseus, dem Sohn des Zeus, im Kampf besiegt, und dies geschah zu der Zeit,
als Medusa die Königin von ihnen war. Zuletzt aber wurden sie ebenso, wie auch das Volk
der Amazonen, von Herakles gänzlich vernichtet, zur Zeit als dieser seinen Zug in die
westlichen Länder unternahm und die Säulen in Libyen aufrichtete. Er glaubte nämlich, dass
es schlecht zu seinem Vorsatz passe, der Wohltäter des gesamten Menschengeschlechtes zu werden,
wenn er die Frauenherrschaft bei einigen Völkern bestehen lasse. Der See Tritonis aber soll
in Folge eines Erdbebens verschwunden sein, indem die an den Ozean stoßenden Ufer desselben
auseinander gerissen wurden. Myrina indes soll den größten Teil Libyens durchzogen haben und
in Ägypten mit Horos, dem Sohn der Isis, welcher damals als König über das Land herrschte,
ein Freundschaftsbündnis geschlossen haben. Danach führte sie Krieg gegen die Araber, tötete
viele derselben und unterwarf Syrien. Als aber die Kilikier ihr mit Geschenken entgegenkamen
und alles zu tun versprachen, was sie befehlen werde, so ließ sie diejenigen frei und
unabhängig, die aus eigenem Antrieb sich ihr ergeben hatten, und daher soll es kommen, dass
dieselben bis auf den heutigen Tag die freien Kilikier heißen. Danach bekriegte sie die Völker
am Taurosgebirge, die durch kriegerischen Mut ausgezeichnet waren, und durchzog Groß-Phrygien
bis zum Meer hinab. Als sie dann noch die Länder an der Meeresküste nacheinander gewonnen hatte,
machte sie den Kaikos-Fluss zur Grenze ihres Kriegszuges. In dem durch Kampf gewonnenen Land
aber suchte sie diejenigen Plätze aus, welche sich zum Anlegen neuer Städte eignete, und erbaute
deren mehrere. Einer dieser benannte sie mit ihrem eigenen Namen, die anderen aber nach ihren
obersten Befehlshaberinnen: Kyme, Pitane, Priene. Doch sind dies nur diejenigen, die sie an
der Meeresküste erbaute; noch andere mehr aber gründete sie in den Landschaften, welche sich
gegen das Binnenland hinziehen. Auch einige der Inseln hatte sie in ihre Gewalt gebracht, insbesondere
Lesbos, auf der sie die Stadt Mitylene gründete und nach ihrer Schwester benannte, die an dem
Kriegszug teilgenommen hatte. Als sie danach auch die anderen Inseln zu unterwerfen in Begriff war,
geriet sie in einen Sturm und, nachdem sie der Göttermutter ihrer Rettung wegen ein Gelübde ablegt hatte,
wurde an eine der menschenleeren Inseln verschlagen. Nach einer Erscheinung, die ihr im Traum
erschien, weihte sie dieselbe der vorgenannten Göttin, errichtete jener Altäre und brachte ihr
herrliche Opfer. Die Insel aber nannte sie Samothrake, was, in griechische Sprache übersetzt,
heilige Insel bedeutet. Hingegen berichten einige Geschichtschreiber, dass die Insel, welche
bis dahin Samos hieß, nach den Thrakiern, die sich zu einer gewissen Zeit dort ansiedelten,
Samothrake genannt worden sei. Die Sage aber erzählt, dass, nachdem die Amazonen auf das
Festland zurückgekehrt waren, die Göttermutter, die an der Insel Gefallen fand, nebst
mehreren anderen auch ihre eigenen Söhne, die sogenannten Korybanten - wer aber ihr Vater ist,
wird bei den heiligen Weihen nur als Geheimnis mitgeteilt - dort ansiedelte und die Mysterien
einführte, welche auch jetzt noch dort gefeiert werden, und das heilige Gebiet zu einer Kultstättte
machte. Um dieselbe Zeit nun soll der Thraker Mopsos, der vor dem Thrakerkönig Lykurgos
flüchtete, mit einem Heer Vertriebener in das Land der Amazonen eingefallen sein. Auch der
Skythe Sipylos, welcher aus dem an Thrakien angrenzenden Skythien gleichfalls vertrieben worden
war, hatte sich dem Zug des Mopsos angeschlossen. Als es nun zur Schlacht kam, siegte das Heer
des Mopsos und des Sipylos; Myrina aber, die Königin der Amazonen, wurde getötet und mit ihr
die meisten anderen. Als dann auch weiterhin die Thrakier in den Schlachten immer siegreich
waren, sollen die übriggebliebenen Amazonen zuletzt wieder nach Libyen zurückgekehrt sein.
Solchen Ausgang nahm der Kriegszug, welchen der Sage nach die Amazonen aus Libyen unternommen
haben.
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Buch IV, 16 - Herakles und die Amazonen
16:
Als Herakles den Auftrag erhalten hatte, den Gürtel der Amazone Hippolyte zu holen, unternahm
er seinen Feldzug gegen die Amazonen. Er segelte in das Meer, welches nach ihm Pontos
Euxeinos benannt wurde, fuhr in die Mündung des Thermodon-Flusses, fuhr stromaufwärts und
schlug ein Lager in der Nähe der Stadt Themiskyra auf, in welcher die Königsburg der
Amazonen stand. Fürs erste nun verlangte er von ihnen nur den Gürtel, wie es sein Auftrag
war; als sie aber nicht auf ihn hörten, lieferte er ihnen eine Schlacht. Die große Menge der
Amazonen nun wurde den Soldaten des Herakles entgegengestellt, die berühmtesten aber stellten
sich dem Herakles selbst gegenüber, und es begann nun ein heißer Kampf. Zuerst kämpfte mit
ihm Aella, welche diesen Namen wegen ihrer Schnelligkeit erhalten hatte, aber sie fand in
ihrem Gegner einen noch schnelleren. Die zweite, Philippis mit Namen, erhielt sogleich beim
ersten Zusammenstoß eine tödliche Wunde und fiel. Danach kämpfte Herakles gegen Prothoe,
von der man sagt, dass sie sieben Gegner getötet habe, welche sie zum Zweikampf herausgefordert
hatte. Als auch diese gefallen war, besiegte er im Gefecht als vierte die Eriboia, die sich
ihrer im Krieg bewiesenen Tapferkeit wegen rühmte, keines Helfers zu bedürfen. Das aber zeigte
sich hier als eitle Prahlerei, als sie einem noch besseren gegenüberstand. Danach kamen Kelaino,
Eurybia, und Phoibe, Jagdgenossinnen der Artemis, deren Pfeil sonst immer traf, diesmal aber
das Ziel verfehlte; sie wurden alle von ihm niedergehauen, als sie sich gegenseitig mit
ihren Schilden zu decken suchten. Nach diesen überwand er noch die Deianeira und Asteria und
Marpe, die Tekmessa und Alkippe. Diese hatte geschworen, ihr ganzes Leben hindurch Jungfrau
zu bleiben; ihren Schwur zwar hielt sie, das Leben aber behielt sie nicht. Melanippe aber,
die Befehlshaberin der Amazonen, die ihrer Tapferkeit wegen zumeist bewundert wurde, verlor
hier den Oberbefehl. Nachdem Herakles so die ausgezeichnetsten unter den Amazonen getötet
hatte, trieb er die übrige Menge in die Flucht und tötete die meisten davon, so dass
das ganze Volk völlig aufgerieben wurde. Von den Kriegsgefangenen schenkte es die Antiope
dem Theseus, der Melanippe aber gab er die Freiheit und nahm als Lösegeld ihren Gürtel.
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Buch IV, 28 - Theseus und die Amazonen - die Belagerung von Athen durch Amazonen
28:
Zur Zeit, als Herakles mit diesen Dingen beschäftigt war, so wird erzählt, sammelten sich
die Amazonen vom Fluss Thermodon, welche noch übriggeblieben waren, um gemeinsam gegen
Griechenland zu ziehen und die Schmach zu rächen, die Herakles durch seinen Feldzug ihnen
angetan hatte. Ihr größter Hass aber traf die Athener, weil Theseus die Anführerin der
Amazonen, die Antiope, oder, wie andere schreiben, Hippolyte, zur Sklavin gemacht hatte.
Da auch die Skythen sich den Amazonen anschlossen, so kam eine ansehnliche Streitmacht
zusammen, mit welcher die Anführerinnen der Amazonen den Kimmerischen Bosporus überschritten
und durch Thrakien zogen. Zuletzt, als sie schon einen beträchtlichen Teil Europas heimgesucht
hatten, kamen sie nach Attika und lagerten dort, wo jetzt das nach ihnen benannte Amazoneion
ist. Theseus, welche von dem Herankommen der Amazonen gehört hatte, rückte mit der Streitmacht
seiner Bürger heran, und ihn begleitete auch die Amazone Antiope, mit welcher er einen Sohn,
den Hippolytos, gezeugt hatte. Er begann die Schlacht gegen die Amazonen, und da die größte
Tapferkeit auf Seiten der Athener war, so siegten die Kämpfer des Theseus und töteten teils die
Amazonen, teils verjagten sie sie aus Attika. Aber auch die Antiope, die an der Seite ihres
Mannes Theseus gekämpft hatte und im Kampf sich rühmlich ausgezeichnet hatte, fand den Heldentod.
Die übriggebliebenen Amazonen kehrten nicht in ihre Heimat zurück, sie gingen mit den Skythen
nach Skythien und siedelten sich unter ihnen an. - Wir aber, nachdem wir ausführlich genug
über sie gesprochen haben, kehren zu den Taten des Herakles zurück.
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