Die markierten Pfade im Chott el-Djerid


Chott el-Djerid

Eine genaue und systematische Untersuchung des Chott el-Djerid unter Auswertung von Satellitenbildern hat zur Entdeckung geführt, dass ein engmaschiges Netz an markierten Pfaden im Chott el-Djerid existierte. Auf Basis dieser Recherche konnten über 40 ausmarkierte Wege, konkret insgesamt 45, festgestellt werden. Dabei wurden nur Wege gezählt, die ganz eindeutig als solche erkennbar sind. Die tatsächliche Anzahl der Routen dürfte daher noch höher liegen. Somit findet die alte Bezeichnung für dieses Landschaft »See der Markierungen« ihre Bestätigung. Schon im 18. Jahrhundert hatte der englische Forschungsreisende Thomas Shaw die einheimische Bezeichnung übernommen und benannte den Chott el-Djerid »Lake of Marks«, also »See der Markierungen«. In arabischen Quellen wird der Chott auch »Sebkha el Oueda« genannt, nach den Palmenstämmen, die als Markierungspunkte dienten. Das Ausmaß des systematisch angelegten Wegesystems war aber bislang nicht bekannt.

Die große Anzahl an markierten Pfaden ist auch deshalb so erstaunlich, da dies in der Überlieferung überhaupt nicht zum Ausdruck kommt. Sowohl die arabischen als auch die neuzeitlichen Reiseberichte berichten immer nur von einem sicheren, gut ausmarkierten Weg durch den Chott el-Djerid, wobei eine Zwischenstation bei einem zugeschütteten, alten Brunnen auf halbem Wege häufig Erwähnung findet. Außerdem ist laut den Schilderungen ein einheimischer Führer für die Durchquerung unbedingt notwendig. Jener sichere Weg führte von Degache/Kriz nördlich des Chotts in die Nefzaoua südlich davon und wird mit der heutigen asphaltierten Dammstraße gleichgesetzt.

Nach gründlicher Analyse der Satellitenbilder konnte eine unglaubliche Anzahl an ausmarkierten Wegen festgestellt werden, welche auch nach der gleichen Himmelsrichtung orientiert sind.
Es gibt zwei Grundtypen von markierten Wegen, welche sich sowohl durch ihre Gestaltung als auch durch ihre Orientierung nach der Himmelsrichtung unterscheiden.

Nordsüd-Ostwest-Routen
Nordsüd-Ostwest-Routen

Der erste Typus ist gekennzeichnet durch Markierungspunkte, welche von Steinmonumenten gebildet werden. Die Steinkonstrukte gibt es in verschiedener Größe. Es gibt einfache, welche nur aus einem einzelnen Steinblock bestehen und große Ensembles, die aus bis zu sechs Blöcken bestehen. Manche Monumente fallen auch durch ihre Gestaltung auf. Auf folgendem Bild ist ein Stein in Herzform gestaltet.

Steinmonument aus drei ungewöhnlich geformten Steinblöcken
Steinmonument aus drei ungewöhnlich geformten Steinblöcken

Der Abstand zwischen den Monumenten ist genormt, er beträgt in der Regel 600 m. Auch die Reihenfolge der Monumente nach Größe scheint genau vorgegeben, auf ein größeres Monument folgen drei kleinere, meist aus einem Steinblock bestehende. Die Distanz zwischen einem Markierungspunkt beträgt 600 m, der Abstand zwischen den großen Monumenten somit 2400 m (vier Intervalle à 600 m).

Konstruktion der markierten Route
Konstruktion der markierten Route

Dieses durch Steinmarkierungen und weite Abstände gekennzeichnete Wegesystem ist in Nord-Süd-Richtung, sowie Ost-West-Richtung orientiert. Dieses Routensystem besteht nur aus wenigen Wegen, feststellbar waren zwei in Nord-Süd-Richtung und drei in Ost-West-Richtung. Es fällt auf, dass eine Nord-Süd-Verbindung den Chott el-Djerid an seiner breitesten Stelle durchquert.

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Das zweite Wegesystem umfasst ein engmaschiges Netz an markierten Routen, welche von Nordwesten nach Südosten verlaufen. Diese werden im rechten Winkel von gleich gestalteten Wegen gekreuzt, welche folglich von Südwesten nach Nordosten verlaufen.

Nordwest-Südost-Routen
Nordwest-Südost-Routen

Diese ausmarkierten Pfade laufen in relativ knappem Abstand parallel nebeneinander einher und sind somit zahlreich. Die Technik ihrer Anlage ist sehr ähnlich, sodass es klar ist, dass alle diese Wege gleichen Ursprungs sind. Im Gegensatz zum ersten Typus werden hier die Markierungen von Palmenstämmen gebildet, welche in geringem Abstand voneinander in den Boden des Chotts eingesetzt worden sind. Es existiert ein genauer Rhythmus der Markierungen.

Drei verschiedenen Arten können unterscheiden werden.

Die häufigste Markierung ist folgende: Einem Baumstammpaar folgen vier einzelne Stämme, dann kommt wieder ein Baumpaar. Der Abstand ist normiert, er beträgt ca. 50 m.

Standardmarkierung
Standardmarkierung

Als zweites gibt es Doppelreihen von Baumpfosten, wo man wie innerhalb einer Baumallee geleitet wird. Diese aufwändige Technik scheint wichtigen Wegen vorbehalten.

Ausmarkierung mit Doppelreihe
Ausmarkierung mit Doppelreihe

Als drittes gibt es Routen, welche nur durch Einzelstämme markiert sind. In diesen Fällen ist der Abstand zwischen den einzelnen Markierungspunkten sehr gering, er beträgt zwischen 20 und 25 m.

Kreuzung von zwei Routen mit Einzelpfostenmarkierung
Kreuzung von zwei Routen mit Einzelpfostenmarkierung

Unverständlich ist, warum so viele parallele ausmarkierte Wege notwendig waren, zumal die Ausmarkierungen in solchen Dimensionen sicherlich mit hohem Aufwand verbunden waren.

Ganz ungewöhnlich erscheint es, dass im Zentrum des Chott el-Djerid die größte Dichte und die bestausgebauten Strecken zu finden sind. Sie wirken wie ausgemessene Parzellen. Warum diese im unzugänglichsten Bereich des Chott angelegt worden waren, scheint auf den ersten Blick unerklärlich, vermutlich aber deshalb, weil die Gefahr sich zu verirren, hier am größten ist.

Auffällig ist die stringente Orientierung der Wege nach der Himmelsrichtung. Die Einheitlichkeit der Ausrichtung weist darauf hin, dass eine durchdachte Konzeption dahinter steht.

Eine Datierung dieses ausmarkierten Wegesystems ist schwierig. Es gibt weder in den antiken, noch in den arabischen und auch nicht in den neuzeitlichen Quellen irgendwelche Hinweise auf dieses enge Netz von markierten Wegen, um einen Anhaltspunkt auf ihre Entstehungszeit zu bekommen. Allein die Nachricht, dass der Chott el-Djerid als See der Markierungen bezeichnet wird, kann als ein indirekter Hinweis darauf gedeutet werden. Aber es wird in keiner Weise auf die derartige Dichte an Routen hingewiesen. Im Gegenteil, in den Berichten über die Chottdurchquerungen wird immer nur die gleiche Route beschrieben, welche mit der heutigen ausgebauten Dammstraße zu identifizieren ist.

Von der Technik der Wege her sind die beiden Typen grundsätzlich unterschiedlich. Das Wegesystem mit den Steinmonumenten erscheint archaischer und dürfte somit älter sein. Die genaue Ausrichtung nach den Himmelsrichtungen weist auf eine entwickelte Wegebautechnik hin. Die sich genau Nordsüd-Ostwest kreuzenden Wege erinnern in ihrer Gestaltung an von Römern neuangelegte Städte mit Cardo und Decumanus als die Hauptachsen.

Die Vielzahl der Wege erforderte eine ausgeklügelte Logistik und es bedurfte eine lange Zeit, um dieses Wegesystem mit seinen aufwändigen Markierungspunkten anzulegen. Da in den arabischen Quellen mit keinem Wort von einem derartigen Unternehmung die Rede ist, in diesen Quellen geradezu eine Furcht von diesem Gebiet zum Ausdruck gebracht wird, erscheint es als unwahrscheinlich, dass es in der arabischen Zeit zu dieser großangelegten Infrastrukturmaßnahme gekommen ist.

Dagegen scheint es gut möglich, dass die Exaktheit des Routensystems ein Produkt der römischen Agrimensores (Landvermesser) ist. Die Fläche des Chott el-Djerid wirkt wie eine von den Römern neu angelegte Stadt genau vermessen und parzelliert. Auch die lange Friedenszeit unter den Römern würde den zeitlichen Rahmen für diese Tätigkeit bieten. Römerzeitliche Nachrichten von einer derartigen Unternehmung existieren nicht, was wieder gegen diese Theorie sprechen würde. Allerdings ist dies nicht überzubewerten, da der Chott el-Djerid selbst niemals einen Niederschlag in den römischen Quellen fand, wenn man von der Erwähnung als »lacus salinarum« beim spätantiken Autoren Orosius einmal absieht.

Allerdings spricht auch einiges dafür, dass die markierten Wege älteren Usprungs sind. Gerade die Markierungspunkte in Gestalt monumentaler Steinkonstrukte wirken sehr archaisch - sowohl in ihrer Bauweise als auch in ihrem Aussehen. Somit erscheint eine Datierung in eine vorrömische Periode als durchaus wahrscheinlich. Möglicherweise reicht es bis in prähistorische Zeit zurück und ist mit einem Volk, das vor ungefähr 2500 Jahren am Tritonsee lebte, in Verbindung zu setzen, entsprechend dem Bericht des griechischen Historikers Herodot?

Aktualisiert: 20. Oktober 2017
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