Kolchis, der Kaukasus und Amazonen

- Land der starken Frauen -

O wähne niemand, dass ich schwach und feige sei
Und ruheliebend! Immer war ich andrer Art,
Furchtbar den Feinden und den Freunden wohlgesinnt

Euripides, Medea
Frauenfigur aus einem Kollektivgrab in der Kolchis
Frauenfigur mit erhobenen Armen aus dem Kollektivgrab von Ergeta, Kolchis
Geradezu als Inbegriff eines Landes von starken Frauen kann man die Region nördlich und südlich des Kaukasusgebirges betrachten.

In die griechischen Antike war es Medea, die Tochter des Königs von Kolchis, welche als extrem starke Persönlichkeit beschrieben wurde. Medea galt als sehr kluge Frau, die auch über Zauberkräfte verfügte, aber als äußerst gewissenlos und radikal beim Durchsetzen ihrer Ziele. Sie hinterging ihren Vater aus Liebe zu einem Fremden, dem Griechen Iason. Sie opferte ihren Bruder, um ihre Flucht aus Kolchis zu ermöglichen. Aber sie ging auch so weit, ihre eigenen Söhne zu opfern, um ihren Mann Iason zu strafen, als dieser sie wegen einer anderen Frau verließ.
Auch die Amazonen gaben laut Mythos ihre Söhne weg und behielten nur die Töchter. Hier spiegelt sich offensichtlich ein ähnliches Gedankenmuster wider.

Die Mythen und Sagen des Kaukasus bezeugen ebenso die besondere Stellung der Frau. Im kaukasischen Narten-Sagenkomplex spielt eine mächtige Frau die zentrale Rolle. Die Urmutter aller Narten ist die verführerische und weise Satanaya. In den Nartensagen kommt ein egalitäres Verhältnis zwischen Männern und Frauen zum Ausdruck. Göttinnen und Heldinnen spielen eine wichtige Rolle. Satanaya verkörpert Weisheit und Intelligenz, sie ist auch eine Zauberin und Seherin. Sie steht für Schönheit, ewige Jugend, aber auch für Leidenschaft und Wollust.
In einer weiteren Sage gibt es eine geheimnisvolle weibliche Gestalt namens Anaya. Im Tscherkessischen bedeutet das Wort übersetzt »Böse Mutter«, »na« steht für Mutter, das Suffix »ya« für böse. Anaia ist auch der Name einer Amazone in der griechischen Mythologie! Eine weitere herausragende weibliche Persönlichkeit der Nartensagen ist Amezan. Sie ist eine heroische Kriegerin und herausragende Reiterin. Der Name »Amezan« hat eine große Ähnlichkeit zu dem griechischen Wort »Amazone«, außerdem entspricht die Wesensart der Amezan jener einer Amazone.

In diesem Zusammenhang ist wenig überraschend aber sehr bezeichnend, dass es im Mittelalter eine Königin namens Tamar (1184 - 1213) gewesen ist, welche Georgien zum Höhepunkt seiner Macht führte. Sie repräsentiert das Goldene Zeitalter Georgiens.

Frau seitlich auf einem Pferd sitzend aus Makhvilauri
Frau seitlich auf einem Pferd sitzend, aus Makhvilauri / Kolchis

In der griechischen Antike galt Kolchis als fernes und aufgrund seines Goldes reiches Land. Darum wurde der griechische Held Iason nach Kolchis geschickt, er hatte den Auftrag das berühmte Goldene Vlies zu holen.
Das Goldene Vlies hat einen ganz realen Hintergrund: In Swanetien, im Norden der Kolchis legten einst die Bewohner Widderfelle, mit Steinen beschwert, in das Flussbett, um später aus den Zotteln des Felles das Gold herauszuschütteln. In der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts soll der Fluss Inguri noch genug Gold mitgeführt haben, um diese Technik anzuwenden.

Als die Griechen in der 1. Hälfte des 1. Jahrtausends vor Chr. in die Region des östlichen Schwarzmeergebietes vordrangen, trafen sie auf ein staatlich organisiertes Volk von hoher Entwicklungsstufe. Vom 8. bis 1. Jahrhundert vor Chr. existierte hier das Königreich Kolchis mit einer ganz eigenständigen Kultur. Das politische Zentrum befand sich im Landesinneren, am Fluss Phasis (heute Rioni). Die in den antiken Quellen genannte Hauptstadt Kutaia ist mit der heutigen Stadt Kutaisi zu identifizieren.
In Wani, etwa 60 km von der Schwarzmeerküste entfernt, wurde eine regelrechte Tempelstadt mit reich ausgestatteten Felsengräbern entdeckt. In diesen Gräbern fand man wertvolle Beigaben aus Edelmetall, vor allem aus Gold.
Sehr berühmt war die Kolchis-Kultur wegen ihrer Goldschmiedearbeiten. Besonders in der Anwendung der Granulationstechnik waren die Kolcher wahre Meister. Hier schließt sich der Kreis zum sagenhaften Goldenen Vlies.

Die Kolchis war zur der Zeit, als die Griechen dieses Land kennenlernten, sicher kein Land der Amazonen und auch kein Land matriarchaler Sozialordnung. Aber es war ein Land mit relativ ausgewogenem Geschlechterverhältnis und das war für die patriarchalen Griechen schon ein guter Grund in der Kolchis die Heimat der selbstbewussten Medea zu sehen.
Hinweise auf eine egalitäre Sozialstruktur liefern die Grabsitten. Man fand überwiegend Kollektivgräber, was ein eindeutiges Indiz auf Egalität ist.

Ganz speziell kennzeichnend für die Kolchis sind Darstellungen von reitenden Frauen. Sie sitzen immer seitlich auf dem Pferd, häufig halten sie ein Kind im Arm. Diese dürfte die Hauptgöttin der Kolcher darstellen - eine Göttin, welche für den Glauben an die Wiedergeburt steht, daher waren für die Kolcher pompöse Einzelbestattungen nicht von Bedeutung, da man sich in den zukünftigen Generationen wiederfand. Leben und Tod waren ein ewiger Kreislauf, ein reich ausgestattetes Einzelgrab daher sinnlos. Der Wiedergeburtsglaube war schon seit der Steinzeit vorherrschend und damit verbunden war die besondere Bedeutung der Frau, denn nur sie kann gebären.

Frau mit Kind seitlich auf einem Pferd sitzend aus Tsaishi
Frau mit Kind seitlich auf einem Pferd sitzend, aus Tsaishi / Kolchis

Die weitaus meisten Quellen lokalisieren die Amazonen am Fluss Thermodon, im nördlichen Zentralanatolien, an der Südküste des Schwarzen Meeres. Aber es gibt daneben auch die Überlieferung von kaukasischen Amazonen. Hier ist die wesentliche Quelle der griechische Historiker und Geograf Strabon (63 vor Chr. bis 23 nach Chr.). Er gilt als relativ seriöse Quelle, da er selbst viel reiste und ältere Quellen, die er zitierte, kritisch hinterfragte. Er erwähnt im Zuge der Beschreibung der Kaukasusregion, dass in den Bergen über Albania Amazonen lebten. Albania ist eine Region, die grob mit Ostgeorgien und Aserbaidschan gleichzusetzen ist. Als nähere Angabe des Wohnortes der Amazonen wird ein Fluss Mermadalis erwähnt. Dieser Fluss entspringt im Kaukasusmassiv, fließt dann durch das Gebiet der Amazonen, durchfließt anschließend eine Wüste und mündet in die Maiotis (= das Asowsche Meer).
Nachbarn der Amazonen war das Volk der Gargarier, mit dessen Männern sie jährlich im Frühjahr auf einem Berg zusammentrafen, um in Zuge regelloser Partnerbeziehungen Nachkommen zu zeugen. Die Mädchen blieben bei den Amazonen, die Knaben wurden den Gargariern übergeben. Besonders wichtig ist bei der Schilderung von Strabon die Aussage, dass die Amazonen von Themiskyra (Thermodon) aus in den Kaukasus gezogen waren. Damit lassen sich die kaukasischen Amazonen in den allgemeinen Geschichtsstrang der Amazonen integrieren. Die bekannten Amazonen von Themisykra am Fluss Thermodon in der Nordtürkei waren durch die stetig zunehmende Bedrohung von den sie umringenden patriarchalen Stämmen gezwungen, ihre angestammte Heimat zu verlassen. Sie sollen in das Gebiet nordöstlich des Schwarzen Meeres gezogen sein, wo sie mit den dort lebenden Skythen und Sauromaten eine Symbiose eingingen. Vermutlich hatte sich ein Teil der Amazonen entschlossen, ihre traditionelle Lebensform als selbständige Frauengemeinschaft nicht aufzugeben und in einer unzugänglichen Bergregion des Kaukasus diese Lebensweise beibehalten.

Gürtelschnalle mit Reiterin
Gürtelschnalle aus Bronze, gefunden in Ghebi, nördliches Zentralgeorgien

Die Schnalle ist ikonographisch der kolchischen Kultur zuzuordnen. Eine Frau mit erhobenen Armen sitzt auf dem Rücken von zwei stilisierten Hirschfiguren.

Eine konkrete Lokalisierung dieses Amazonenlandes auf Basis der Angaben Strabons ist schwierig. Legt man das Schwergewicht auf den Ortshinweis »Albania«, müsste das Land im östlichen Teil des Kaukasus zu finden sein. Berücksichtigt man die Angabe, dass der Fluss, welcher durch das Amazonenland fließt, in das Asowsche Meer mündet, kommt eigentlich nur der Kuban oder einer seiner Nebenflüsse in Frage. Dann müsste das Land im westlichen Teil des Kaukasus, also nördlich der Kolchis zu finden sein.

Reitende Frau mit Pfeil und Bogen
Schematische Zeichnung auf einem bronzenen Schmuckblatt eines Gürtels

Gefunden wurde das Schmuckblatt in einem Grab in Zchinwali (Südossetien). Datiert wird es ins 8./7. Jahrhundert vor Chr. Es zeigt eine reitende Frau mit Pfeil und Bogen. Sie sitzt seitlich auf dem Pferd.

Einen möglichen Lösungsansatz bietet die archäologische Forschung. In Südossetien wurden Gräber und Fundgegenstände entdeckt, welche eine Assoziation mit Amazonen suggerieren. In Tli (Tlia), im nördlichen Teil Südossetiens, im zentralkaukasischen Hochgebirge, wurden Frauengräber mit Waffenbeigaben entdeckt. Sie stammen aus der Spätbronzezeit und der frühen Eisenzeit. Allerdings wurden ebenso Männergräber mit Waffenbeigaben gefunden, diese sind auch in der Überzahl. Auffallend ist in Tli, dass sich kaum Unterschiede in der Reichhaltigkeit der Ausstattungen feststellen lassen. Männer und Frauen erscheinen durchwegs recht wohlhabend. Die meisten Gräber in Tli sind Einzelbestattungen. Kollektivbestattungen gibt es, aber nur in geringer Zahl.
Die Fundsituation zeigt klar, dass in dieser Region des Zentralkaukasus ein Volk lebte, wo offensichtlich Frauen und Männer relativ gleichberechtigt zusammenlebten, wo Frauen an kriegerischen Auseinandersetzungen teilnahmen und ihre Rolle als Kriegerinnen auch im Grab stolz zur Schau stellten. Aber es handelt sich nicht um ein Amazonenvolk, wie von Strabon beschrieben. Es scheint eher so zu sein, wie der griechische Historiker Herodot die Situation beschrieben hatte. Die aus der Thermodon-Region in den Nordosten des Schwarzen Meeres geflüchteten Amazonen bildeten laut Herodot mit Männern der Sauromaten eine Gemeinschaft. In dieser konnten sie an der Seite ihrer Männer ihre früher geführte selbständige Lebensform noch in kleinerem Rahmen weiterführen. Dazu gehörte auch, dass sie Waffen trugen und an Kampfhandlungen teilnahmen. Im Laufe der Zeit hatte sich die »amazonische« Lebenseinstellung bei den Frauen immer mehr abgeschwächt, sodass immer weniger von ihnen sich kämpferisch betätigten. Das erklärt auch, weshalb in Tli Gräber von Männern mit Waffenbeigaben überwiegen. Aber allein die Tatsache, dass Gräber von Frauen mit Waffenbeigaben existierten, ist äußerst erstaunlich und fügt sich gut in das Geschichtsbild ein, welches die antiken Autoren über Amazonen überlieferten.


Literatur
Gerhard Pöllauer, Die verlorene Geschichte der Amazonen
Neueste Forschungserkenntnisse über das sagenumwobene Frauenvolk
ISBN: 978-3-902096-88-3; Paperback, 148 Seiten, 87 Schwarzweiß-Abbildungen, 3 Skizzen
Preis: EUR 13,00

Dieses Buch begibt sich auf die Spuren der sagenumwobenen Amazonen. Es beleuchtet die berühmte Amazonensage in all ihren Facetten, begibt sich auf eine archäologische Spurensuche und liefert neueste Forschungserkenntnisse aus der legendären Heimat der Amazonen am Fluss Thermodon und von der einst von Amazonen bewohnten Insel Lemnos. Eingehende Untersuchungen der antiken Amazonensagen in Kombination mit neuesten Entdeckungen vor Ort entschlüsseln den geheimnisvollen Mythos über das berühmte Frauenvolk. Zahlreiche Abbildungen dokumentieren die Forschungsergebnisse.
Diese neuesten - unvoreingenommenen - Forschungen bringen das eingefahrene Geschichtsbild ins Wanken. Zahlreiche archäologische und historische Spuren deuten darauf hin, dass die Amazonen wirklich existierten hatten! Auf Basis dieser neuesten Erkenntnisse kann die verloren gegangene Geschichte der Amazonen rekonstruiert werden.
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Gerhard Pöllauer, Geheimnisvolles Lemnos. Die von Frauen beherrschte Insel
ISBN: 978-3-902096-77-7; Paperback, 128 Seiten, 97 Schwarzweiß-Abbildungen, 3 Abbildungen in Farbe, 1 Karte
Preis: EUR 13,00

Die in der Nordägäis gelegene, relativ unbekannte griechische Insel Lemnos hat eine großartige vorgeschichtliche Vergangenheit vorzuweisen. Vor 5000 Jahren entwickelte sich hier eine bedeutende Hochkultur mit eindrucksvollen Stadtanlagen, mächtigen Felsbauten und Ehrfurcht einflößenden Heiligtümern. Die Entdeckung der frühbronzezeitlichen Fundstätte von Poliochni gilt als sensationell. Diese Siedlung wird aufgrund ihrer Ausmaße und ihrer Entwicklungsreife als die älteste Stadt Europas bezeichnet. Auch Myrina im Westen und Hephaistia im Norden beeindrucken mit ihrer erstaunlichen prähistorischen Hinterlassenschaft. Vermutlich hatte noch eine vierte städtische Siedlung ganz im Nordosten der Insel existiert - das sagenhafte Chryse, welches durch ein Erdbeben im Meer versunken war.
Gleichzeitig ist festzustellen, dass in dieser Kultur Frauen eine zumindest gleichberechtigte Rolle innehatten. Nicht ohne Grund wurde Lemnos in der Antike mit den Worten »die von Frauen beherrschte Insel« charakterisiert.
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Heide Göttner-Abendroth, Geschichte matriarchaler Gesellschaften und Entstehung des Patriarchats

Die Matriarchatsforscherin der Gegenwart im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus ist Heide Göttner-Abendroth. In Ihren Werken widmet sie sich ganz der Erforschung der von der offiziellen Geschichtsforschung negierten matriarchalen Kultur.
Ein weiterer Meilenstein Ihrer großartigen Forschungsarbeit ist das neu erschienene Buch »Geschichte matriarchaler Gesellschaften und Entstehung des Patriarchats«. Auf Basis ihres umfassenden Wissens schildert sie kenntnisreich und mit Akribie die Geschichte des Matriarchats und die Entstehung des Patriarchats. Es ist wissenschaftlich fundiert, aber auch leicht verständlich geschrieben. Es ist ein Buch, welches das verkrustete herkömmliche Geschichtsbild kritisch hinterfragt und aus neuem Blickwinkel eine Geschichte rekonstruiert, wo die Frauen nicht eine passive, sondern eine sehr aktive Rolle in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte einnahmen.

Aktualisiert: 25. September 2020
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